Das letzte Licht der Magie - Geboren aus Schmerz und Wahrheit

Band 1 - Leseprobe



Prolog

 

 

Es war jener Moment zwischen Nacht und Morgen, in dem die Welt den Atem anzuhalten schien, als würde sie für einen winzigen Augenblick vergessen, sich zu drehen. Lin wurde wach, weil etwas nicht stimmte. Nicht laut, nicht greifbar. Es war eher ein Gefühl, wie ein Riss in der Stille, ein Schatten am Rande des Bewusstseins. 

Dann hörte sie es.

Ein Laut, irgendwo zwischen Wimmern und panischem Schrei, der sich durch die Dunkelheit schnitt wie ein kalter Windstoß.

Sie riss die Decke zur Seite und stolperte barfuß durch den Flur. Der Boden unter ihren Füßen war eiskalt, die Luft still und schwer.

Die Tür stand offen.

Draußen, in der dichten Dunkelheit, flackerte Licht, unwirklich, fremd, wie aus einer anderen Welt herübergeweht.

Und dann sah sie ihn.

Einen Wagen, gezogen von zwei Kreaturen, die vielleicht einst Pferde gewesen waren, jetzt jedoch aussahen, als hätte der Tod ihnen seine Gestalt geliehen. Ihre Augen leuchteten gespenstisch, die Flanken waren eingefallen, die Bewegungen ruckartig und falsch.

Der Wagen war alt, aus dunklem, rissigem Holz, mit goldverzierten Bögen und merkwürdige fliegenden Lichter, die in wirren Farben glommen, wie der Albtraum eines fahrenden Zirkus. Hinter Gitterstäben kauerten Kinder, leise, blass, gebrochen.

Inmitten all dessen war Tian.

Ihr kleiner Bruder, kaum vier Jahre alt, wurde von einer hochgewachsenen Kreatur mit grauenhafter Fratze auf den Wagen gezogen. Seine Haut spannte sich pergamentartig über die Knochen, die Augen waren tiefschwarz, der Mund zu einem grausamen Grinsen verzogen.

»Tian!« Lins Stimme zerriss die Nacht.

Sie rannte, spürte das Blut in ihren Schläfen pochen, hörte nur noch ihren Atem und das Klirren der Ketten am Wagen. 

Tian sah sie, streckte die Arme nach ihr aus und dann öffnete sich hinter dem Gefährt etwas, das nicht sein durfte.

Ein Spalt in der Dunkelheit, schwarz und leuchtend zugleich, als hätte jemand die Realität aufgeschnitten. Schatten leckten an den Rändern, gierig, unaufhaltsam.

Lin streckte die Hand aus, wollte springen, schreien, beißen, irgendetwas tun, doch es war zu spät.

Der Wagen und alles, was er in sich trug, verschwanden in der Finsternis, als hätte es ihn nie gegeben.

Die Straße war leer. Die Nacht wieder still.

Aber nichts würde je wieder so sein wie zuvor. 

                                                        

 



Fünf Jahre später

 

 

Lin sprach kaum noch. Nicht, weil ihr nichts einfiel, sondern weil sie gelernt hatte, dass es einfacher war zu schweigen, als sich zu erklären in einer Welt, die längst aufgehört hatte, ihr zuzuhören.

Sie war siebzehn, doch trug den Blick eines Menschen, der zu früh gesehen hatte, was er nicht hätte sehen dürfen.

In der Schule war sie das Mädchen, das allein saß. Nicht weil sie es musste. Weil sie es wollte. 

Vertrauen war zu einer Fremdsprache geworden. Ihre Mitschüler mieden sie wie einen stillen Vorwurf, ihre Lehrer behandelten sie mit dieser vorsichtigen Höflichkeit, die schlimmer war als Ablehnung.

An diesem Dienstagmorgen war der Himmel bleigrau. Der Regen hatte aufgehört, aber die Nässe hing noch in der Luft wie etwas Unausgesprochenes. Lin saß auf ihrem Platz am Fenster und starrte hinaus, während Herr Brosig irgendetwas über das Mittelalter erzählte. Ihre Gedanken waren weit weg, wie so oft.

«Na, Lin? Suchst du da draußen deinen Alien-Wagen?«, flötete eine Stimme von der Seite.

Sie zuckte nicht einmal zusammen, sie kannte die Stimme. 

Luca, einer dieser Jungs, die Aufmerksamkeit brauchten wie Luft zum Atmen, und dabei nie merkten, wann sie anderen dafür die Luft nahmen.

«Vielleicht kommt der Wagen ja heute wieder und nimmt dich mit?«

Einige lachten, andere schauten betreten weg.

Lin spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Nicht vor Wut, auch nicht aus Angst, sondern wegen der Bilder, die seine Worte in ihr hochholten.

Und plötzlich war sie wieder dort. Im Flur. Barfuß. Atemlos.

Die Nacht war kalt gewesen, viel zu still. Und dann dieses Licht, nicht warm und nicht vertraut. Kalt flackernd, fast fiebrig. Der Wagen. Die toten Pferde. Tian. Sein kleiner Körper in den Armen dieser Kreatur, die kein Mensch war. 

Sein Schrei. 

Ihre Hand, die sich ins Leere streckte, und das Loch, dass sie einfach verschlang.

Sie hatte es gesehen. Doch niemand hatte ihr geglaubt.

Erst hatte man sie befragt. Immer wieder. 

»War es ein Albtraum, Lin?« 

»Hattest du einen gruseligen Film im Fernsehen gesehen?« 

»Du standest unter Schock.« 

»Es gibt keine Monster.«

Dann waren die Therapeuten gekommen. Die Medikamente. 

Die Gespräche in Räumen, die nach Pfefferminztee rochen und in denen alles weich gepolstert war.

Irgendwann war sie einfach still geworden, hatte ihre schlimmen Albträume für sich behalten, die Angst vor dieser grausigen Kreatur, dass sie wiederkommt und auch sie holt.

Tians Verschwinden war nie aufgeklärt worden. Ihre Eltern suchten noch immer, klemmten sich hinter jede Spur, riefen alte Kontakte an, hingen Plakate auf. Aber sie – Lin – wurde angestarrt, als sei sie das Problem. Als wäre sie Teil des Verschwindens, nicht des Verlusts.

»Ey, sie hat schon wieder diesen Psycho-Blick«, sagte Luca jetzt und lachte. «Vielleicht ist sie ja wirklich vom Teufel besessen.«

Lin drehte den Kopf und sah ihn direkt an. Ihre grünen Augen waren klar. Ruhig und von einer Art Dunkelheit, die kein Gleichaltriger je begreifen würde.

«Vielleicht bin ich das«, sagte sie leise.

Für einen Moment war es still in der Klasse. Still wie in jener Nacht.

 

 

Am Nachmittag saß sie wieder hinter der Kasse im Tante-Emma-Laden. Der Geruch von frischem Brot und alter Tapete war beruhigend, fast wie ein Anker. Hier konnte sie durchatmen, hier war sie einfach nur Lin. Nicht das Mädchen mit der toten Geschichte.

Am Abend würde sie wieder nach Henry sehen. Sie freute sich immer sehr, wenn sie bei Tante Ana war und auf Henry aufpassen durfte. Manchmal fragte sie sich, ob er ihr auch eines Tages glauben würde. Oder ob sie bis dahin selbst nicht mehr wüsste, ob alles nur ein Albtraum gewesen war.

Der Nachmittag verlief ruhig, bis auf seltsame Vorkommnisse. Eine Packung mit Eiern war dermaßen verfault, dass sie angeekelt alles fallen ließ und den übelriechenden Schnodder vom Boden wischen musste. Eine schwarze Katze lief in den Laden und ließ sich einfach nicht einfangen.

Zu ihrem Überdruss, kam ihre Chefin zu spät, die sonst immer pünktlich war.

Als sie endlich den Laden verlassen konnte, war es schon spät und obwohl die Sonne schien, regnete es plötzlich. Verdutzt sah sie zum Himmel und konnte keine einzige Wolke erblicken.

Sie wunderte sich und tief in ihrem Inneren spürte sie, dass etwas in Bewegung geraten war. 

Etwas Dunkles. Etwas Altes.

Und es kam zurück.

 

 

Die Schatten der Vergangenheit ließen sich nicht abschütteln, so sehr Lin es auch versuchte. Es war einer dieser späten Nachmittage, an denen die Sonne müde zwischen den Baumwipfeln hing, als sie bei Ana ankam, um auf Henry aufzupassen. 

Ana – warmherzig, fürsorglich, mit diesen sanften braunen Augen, in denen Lin sich nie verurteilt fühlte. Sie war nicht einfach nur die beste Freundin ihrer Mutter. Für Lin war sie ein sicherer Hafen gewesen, damals, als die Welt aus den Fugen geriet und niemand ihr glauben wollte.

»Ich bin spätestens um halb elf zurück«, sagte Ana, während sie sich ihren Mantel überzog. Ihre Stimme war wie eine Decke, weich und voller Verständnis. »Du weißt ja, Henry ist meistens ein Engel, wenn du hier bist.«

Lin lächelte schwach. »Mach dir keine Sorgen. Wir kommen klar.«

Ana zögerte einen Moment, musterte Lin mit einem durchdringenden Blick, der nicht wertete, sondern Anteil nahm. »Wenn du je reden willst … ich meine, wirklich reden … ich bin da.«

Lin nickte stumm. Wie oft hatte Ana das schon gesagt? Und wie oft hatte Lin geschwiegen, unfähig, die Worte zu formen, die ihre Zunge wie Blei lähmten? Doch allein der Gedanke, dass jemand sie sah, wirklich sah, gab ihr Halt.

Als Ana ging, stürzten sich Lin und Henry in ein wildes Spiel im Garten. Der kleine Junge lachte hell, sein blondes Haar flatterte im Wind, seine Welt war noch heil, noch voller Wunder und Abenteuer. Für einen kurzen Moment vergaß sie ihre Sorgen.

Doch dann, wie aus dem Nichts, verdunkelte sich der Himmel. Die Sonne schien innerhalb von Sekunden zu erlöschen, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Dunkle Wolken schoben sich wie lebendige Schatten über das Haus, schwer und drohend. Der Wind, der eben noch sanft durch die Zweige gestrichen war, peitschte nun wütend über das Gras, zerrte an Lin und Henrys Kleidung, ließ die Bäume ächzen.

»Komm, wir gehen besser rein«, sagte Lin und zwang sich zu einem ruhigen Ton, obwohl ihr Herz schneller schlug. Etwas stimmte nicht. Es war nicht nur ein Gewitter, es war ein Flüstern in der Luft, ein Kriechen unter ihrer Haut, das sie sofort an jenen Tag erinnerte. 

Den Tag, an dem Tian verschwand.

Sie brachte Henry ins Bett, las ihm vor, küsste seine Stirn und wartete, bis sein Atem ruhig wurde. Wieder verglich sie die beiden Kinder. Henry war blond und blauäugig, absolut wild und hemmungslos auf Abenteuer aus. Tian war äußerlich und innerlich das komplette Gegenteil. Tian hatte rotbraune Haare wie sie auch, nur dass seine Haare gewellt waren und ihre glatt. Er hatte braune Augen mit grünen Sprenkeln und mochte zwar auch Abenteuer, war aber eher zurückhaltend und schaute sich erstmal lieber die Gegebenheiten an, bevor er anfing, sich darauf einzulassen. 

Lin seufzte, sie vermisste Tian so sehr. Es hatte ein riesiges Loch in ihre Brust gerissen, das mit nichts zu stopfen war. An dieser Stelle wünschte sie sich, sie hätte es nicht miterlebt, könnte wie alle anderen normal trauern und müsste nicht in Angst vor schrecklichen Monstern leben, die es eigentlich nur in Büchern gab. 

Sie gab Henry noch einmal einen Kuss auf die Stirn, dann ließ sie sich in seinem Zimmer auf die Couch fallen, erschöpft von einem Tag, der so leicht begonnen hatte und nun einen bitteren Nachgeschmack trug. Sie spielte an ihrem Handy ein Spiel, doch nichts vermochte ihre innere Unruhe zu besänftigen. Sie wehrte sich lange gegen das Zufallen ihrer Augen, schließlich übermannte sie der Schlaf.

Ein leises Wimmern ließ sie hochschrecken. 

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Nicht Henry! Nein! 

Es war ein Laut, der aus einer anderen Welt zu stammen schien. 

Eines dieser Geräusche, die tiefer schnitten als jede Klinge, weil sie Erinnerungen mit sich trugen, die man niemals vergessen konnte.

Sie rannte hinaus, ohne nachzudenken. Ihre Schritte hallten wie Donnerschläge durch die Nacht. Draußen war die Welt schwarz, nicht einfach dunkel. Schwarz!

Der Mond war verborgen, die Sterne wie ausgelöscht. Nur eine unheilvolle Glut, die von einem flackernden Wagen ausging, zerriss die Dunkelheit. Und dort stand es.

Die Kreatur aus ihren Alpträumen! 

Die Kreatur, die Tian entführt hatte.

Seine Haut spannte sich grau und rissig über seine Knochen, seine Augenhöhlen schienen zu glühen, und der verzogene Mund war nicht zu einem Lächeln fähig, nur zu einer Fratze aus Hass und Hunger. Die Pferde, die den Wagen zogen, waren halb verwest, ihre Augen leer, ihre Rippen sichtbar, ihre Hufe schlugen rhythmisch auf den Boden, obwohl kein Leben in ihnen zu sein schien. 

Er hielt Henry in den Armen wie ein lebloses Bündel.

Lins Atem stockte. Der Schmerz in ihrer Brust war unerträglich, nicht nur vor Angst, sondern vor dem Gefühl des erneuten Verlustes. Aber dieses Mal nicht, diesmal nicht!

Sie riss sich aus der Starre und rannte. Ihre Beine waren schwer, als würden unsichtbare Hände nach ihr greifen, jede Bewegung verlangsamend, zäh wie Sirup, durchdrungen von dunkler Energie. 

Der Wagen zog sich in die Ferne zurück, aber sie war schnell. Schneller als vor fünf Jahren. Schneller, weil sie nicht noch einmal versagen würde.

Sie griff nach einem der großen Dekosteine, der schwer in ihrer Hand lag. Lin war noch einen Meter vom Wagen entfernt, sie zielte und warf. Ein Schrei, von dem Wesen, der sich nicht natürlich anhörte. Der Stein hatte sein Ziel getroffen. Der Arm ließ locker. Henry fiel, und Lin fing ihn auf, taumelnd, schützend.

Sofort rannte sie zurück zum Haus, ihre Füße knallten auf den Boden, Henrys Gewicht schwer in den Armen.

Etwas packte sie an den Haaren, riss sie zurück mit einer Kraft, die nicht von dieser Welt war. Der Boden schlug ihr entgegen, die Luft wurde ihr aus der Lunge gepresst, sie hielt den Jungen trotzdem fest.

An ihren Haaren wurde sie über den Boden gezogen, sie ließ Henry los und gab ihm einen Schubs. 

»Renn!«, schrie sie, ihre Stimme riss ihr die Kehle auf. »Renn, Henry!«

Ihre Fingernägel krallten sich in die Erde, rissen dabei kleine Brocken aus dem feuchten Boden, doch es war zwecklos. Der Schatten war zu stark, die Dunkelheit zu alt.

Der Wagen war verschwunden. Stattdessen öffnete sich der Boden unter ihr, als wäre die Welt selbst bereit, sie zu verschlingen. Ein gähnendes, schwarzes Loch, das keinen Ausweg versprach. Keine Erlösung.

»Lauf, Henry … bitte …«, flüsterte sie, während ihre Kräfte nachließen. Henrys Gesicht war das letzte, was sie sah, bleich, verzweifelt und voller Angst.

Dann war da nur noch Dunkelheit.

Und Stille.



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