Das letzte Licht der Magie - Klauen der Dunkelheit

Leseprobe - Band 2



Achtung! Nur lesen, wenn du Band 1 kennst!

|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|


Sicher?


|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|



Ok, dann viel Spaß :-)






 

Chaos 

 
Der Wind strich durch die Überreste der einst so gewaltigen Mauern und zerrte an den Fetzen von Vorhängen, die wie schwarze, blutleere Zungen aus zersplitterten Fenstern hingen. Er jagte Staub in Spiralen über den Boden aus schwarzem Gestein und verkohltem Holz. 
Inmitten dieses gewaltigen Chaos stand Lin. Ihre Haut leuchtete in einem warmen Goldton, als hätte die Magie selbst sich dort eingebrannt. 
Ihre Zunge fuhr über ihre trockenen Lippen, als wären sie noch nicht bereit, die letzte Welle aus Energie zu akzeptieren, die durch ihre Adern flackerte wie ein zu helles Feuer. 
Sie atmete langsam, zwang ihre Lungen, sich zu füllen, doch jeder Atemzug schmeckte nach Ruß und nach vergangener Gewalt. Nach einer Kraft, die nicht aus dieser Welt stammte und in ihr etwas zurückgelassen hatte, das nicht mehr weichen würde. 
Vor ihr lagen die Trümmer des Tempels, dort, wo einst der Varnstein geruht hatte, eingebettet im dunklen Gestein. 
Nur noch eine feine Spur aus rotem Staub zeugt von seiner Existenz. 
Lin konnte kaum glauben, dass dieser Stein, der so viel Macht und Leid trug, nun vom Wind in alle Richtungen verstreut wurde. 
Ihr Körper zuckte zusammen, als das Echo der Magie noch einmal in ihr aufwallte, ungestüm und wild, wie ein Tier, das in einem zu engen Käfig steckte und nun tobte. 
Die überschüssige Energie strömte aus ihr heraus und ihr Körper leuchtete noch heller. 
Moran stahl über Jahre Tians Magie und in den letzten Wochen auch ihre eigene. Diese Macht konnte sie jetzt nicht länger halten. 
Ein einzelner Riss zog sich durch die Wand hinter ihr, ein Klagelaut entwich dem Stein, als ob die Ruine stumm klagte und wütete, bevor sie endgültig zusammenbrach. 
Lin blinzelte, während sie versuchte, sich zu sammeln, doch ihre Gedanken glitten immer wieder ab. Taumelten durch Bilder aus Licht und Schatten, durch das Echo von Morans Blick, kurz bevor er verschwand. An das Geräusch, als sein Körper sich mit der Seele vom Skarnuchkönig verband. 
Sie konnte es immer noch nicht begreifen, dass es Moran war. Wenn sie es früher gewusst hätte, dann hätte sie ihn… 
Ein Seufzen riss sie aus ihren Gedanken. 
Langsam drehte sie den Kopf. Ihre Augen suchten die Stelle, wo sie Tian hingelegt hatte, in sicherem Abstand zu den Trümmern, auf einem halb intakten Stück Teppich, dessen einstige Farben von Asche verdeckt waren. 
Tian lag noch immer reglos da, wie ein zerbrechliches Wesen, dessen Atem kaum ausreichte, um gegen die Kälte der Welt anzukommen. 
Ihr Herz zog sich zusammen. Aber sie hatte ihn wiedergefunden, das allein zählte. 
Lin ging langsam auf ihn zu, jeder Schritt ein Bekenntnis zur Schwere, die in ihren Gliedern wohnte, als hätte die Magie nicht nur durch sie geströmt, sondern in ihr etwas hinterlassen, das schwerer wog als Schuld oder Schmerz. 
Ihre Knie gaben beinahe nach, doch sie zwang sich, bei ihm anzukommen, sich neben ihn zu setzen, ihn nicht zu wecken, nur zu beobachten. 
Seine Wimpern lagen wie feine Schatten auf seinen Wangen, sein Gesicht entspannt und friedlich. Froh darüber, dass er gerade einen Moment des Friedens verspürte, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschte, als dass er aufwachte und sie ihn in die Arme schließen könnte. 
Lin legte eine Hand auf seine Brust, vorsichtig, fast ehrfürchtig. Als hätte sie Angst, ihn mit einer einzigen Berührung wieder in jene Realität zu reißen, in der seine Kindheit verloren ging. 
Er lebte und er war bei ihr. 
Der Hauch seines Atems traf ihre Finger schwach. 
Ein Zittern lief durch ihren Körper, diesmal nicht aus Schwäche, sondern aus etwas anderem, einem Gefühl, das sie kaum noch kannte, weil es ihr zu lange schon fehlte. 
Hoffnung. 
Trotz all der Dunkelheit, trotz der Asche auf ihren Schultern, der Schuld in ihrem Herzen und der Magie in ihrem Blut, hatte sie es geschafft. 
Die Ruine um sie herum war Zeugnis dessen, was sie opfern musste, um ihn zu retten. 
Sie legte sich neben ihn, zog ihn vorsichtig in ihre Arme, wiegte ihn, auch wenn er nichts davon mitbekam. Ihr Blick richtete sich in den grauen Himmel, durch die geborstenen Überreste des Dachs, in dem ein einzelner schwarzer Vogel saß, reglos, wachsam. 
Ein Flüstern stieg in ihr auf. Ein Schwur, dass sie ihn beschützen würde, mit allem, was sie an Macht besaß. 
Doch für einen Moment, inmitten dieser stillen, rauchenden Welt aus Staub und Vergangenheit, war sie nichts als eine Schwester, die ihren Bruder hielt. 
 Ein kaum wahrnehmbares Geräusch ließ sie zusammenzucken. Etwas zwischen einem trockenen Atemzug und dem Wispern von wind über kaltem Stein. 
Lins Blick riss sich von Tian los und tastete sich durch die zerstörte Ruine, bis er in die Schatten der halb eingestürzten Mauer fiel. 
Dorthin, wo sich die Dunkelheit verdichtete wie ein Rest der alten Macht, die diesen Ort durchdrang. 


 

Uralt 

 
 
Vellok saß noch immer in der Ecke, wo der Skarnuchkönig ihn mit seiner Macht an die Wand geschleudert hatte. Er rettete sie, indem er auf den Varnstein zeigte. Durch die immense Macht ist der Ring, der um ihren Hals lag, abgefallen und sie konnte ihre Magie wieder benutzen. 
Lin belegte ihn mit dem gleichen Schutz wie Tian, damit er überlebte. 
Wie ein Häufchen Elend saß er zwischen zerbröckelten Steinen, verkohltem Balkenwerk und dem Rauch, der noch immer über dem Boden schwebte wie ein halb vergessener Fluch. 
Sein Körper krümmte sich nach vorn, als hätte er sich selbst schützen wollen vor dem, was sie erlebten. Seine Arme umklammerten die Knie, sein Kinn lag auf seiner schmutzigen Hose. Nur die Augen sahen zu ihr. 
Weit aufgerissen, fassungslos und schreckensstarr. 
Unsicher, wie sie sich verhalten sollte, blickte sie zurück zu Tian. Sie konnte sich nicht zu weit von ihrem Bruder entfernen. 
Sie griff nach dem letzten Rest Magie, den sie vom Varnstein besaß und spannte erneut ein Netz aus Licht über Tians Körper. 
Ihre Hände zitterten, doch sie hielt sie ruhig und ließ sie die Magie aus ihrem Körper strömen. 
Als sie sich vergewissert hatte, dass der Schutz stand, dass nichts von außen zu ihm dringen konnte, drehte sie sich zu Vellok. 
Ihre Beine fühlten sich weich an. Doch sie ging weiter, durch Staub und Schatten, auf das zitternde Wesen zu, das ihr einmal das Essen brachte. Lin bat ihn mehrmals, mit ihr zu fliehen. 
»Vellok, bist du verletzt?«, fragte sie, während sie langsam näherkam. 
Keine Reaktion. Er blinzelte nicht einmal. 
Seine Haut, von eiternden Beulen überzogen und doch irgendwie menschlich, war fahl und fleckig. 
»Vellok, du musst mir zuhören«, versuchte sie es erneut, diesmal mit mehr Nachdruck. »Es ist vorbei. Du bist frei.« 
Er sah Lin an, aber starrte durch sie hindurch. 
»Vellok!«, sagte sie nun eindringlich und kniete sich vor ihn. »Du musst aufstehen. Wir können hier nicht bleiben.« 
Es kam keine Antwort. 
Sie hob zögerlich eine Hand, ließ sie zitternd auf seine Schulter nieder, berührte ihn erst ganz sacht, dann fester. Seine Haut war kalt und wachsartig. 
»Bitte«, flüsterte sie. »Ich kann dich nicht zurücklassen.« 
Ein Zittern durchlief seinen Körper, so leicht, dass sie es fast übersehen hätte. 
Sie schüttelte ihn. Einmal. Dann noch einmal. 
»Hör auf zu starren. Sie mich an.« 
Seine Augen zuckten, als würde er zu sich kommen und endlich sah er sie an. 
»Du hast mir geholfen.« Sie blickte ihn fest an. »Und du kommst jetzt mit uns.« 
Ein Krächzen über ihr ließ sie ihren Kopf hochreißen. 
Der schwarze Vogel saß auf einem Teil eines zerstörten Bogens. Sein Gefieder glänzte wie Öl im grauen Licht. Er plusterte sein Gefieder auf und krähte erneut. 
Seine schwarzen Augen blickten sie direkt an, uralt und wissend. 
Sie schauderte und bekam ein ungutes Gefühl, das sich durch ihren Magen wand. 
Lin wandte sich wieder an Vellok. »Wir dürfen nicht länger bleiben. Wir sind hier nicht sicher.« 
Sie packte ihn an beiden Schultern, schüttelte ihn diesmal fester. 
»Vellok! Willst du warten, bis er zurückkommt?« 
Ein weiteres Krächzen des schwarzen Vogels schien ihn aus der Starre zu holen. 
Velloks Gesicht zuckte, seine Lippen öffneten sich einen Spalt, als wollte er etwas sagen. Ein Laut kam über sie, kehlig, rau, unverständlich. 
»Du kannst sprechen. Ich höre dir zu.« 
Seine Finger rutschten von den Knien, streckten sich halb, wie Krallen in der Luft, fanden dann Halt auf dem Boden. 
»Er kommt… zurück, um Tian… zu holen«, stotterte er. 
Seine Stimme klang wie aus einer anderen Welt, als hätte sie sich den Weg durch Dreck und Feuer bahnen müssen. 
»Nein!«, rief Lin fest, in einem Ton, der keinen Raum für Zweifel ließ, doch die Angst fraß sich durch ihren Magen. „Nicht solange wir bei ihm sind.« 
Vellok hob den Kopf ein Stück, sein Blick fokussierte sie unstetig, aber er reagierte. 
»Ich weiß, du hast Angst. Die habe ich auch«, fuhr sie fort. »Aber wir haben überlebt. Jetzt musst du aufstehen. Jetzt musst du mir helfen, Tian zu tragen. Ich schaffe es nicht allein.« 
Ein leises Keuchen entwich seiner Kehle, dann hievte er sich hoch und wankte wie ein Baum in einem Sturm. Als er stand, seufzte  sie dankbar auf. 
Sein Blick huschte kurz zu Tian, dann zu Lin und zum Vogel, der reglos auf dem Bogen saß. 
»Lass uns verschwinden«, drängte Lin. 
Sie gingen gemeinsam zu Tian zurück und Lin ließ mit einer Handbewegung seinen Schutz fallen und wusste im nächsten Moment nicht mehr, wie sie ihn überhaupt erzeugt hatte. Darüber musste sie sich später Gedanken machen. 
Lin beugte sich zu ihm herunter und packte Tians unter die Arme. Vellok trat neben sie, in seinen Bewegungen noch fahrig und zerstreut, trotzdem nahm er fest seine Beine in die Hände. Gemeinsam hoben sie den schlafenden Jungen, wickelten ihn notdürftig in ein Stück Stoff, aus einem ehemaligen Wandbehang. 
Zusammen trugen sie den Jungen aus den Ruinen. Der Vogel erhob sich krächzend und flog ihnen nach.